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Störung/Ha-fra-ah

Wissenschafts- und Kunst-Projekt (Kulturstiftung des Bundes)

Im Begriff der Störung brechen sich prismatisch (neuro-)pathologische, gesellschaftliche, philosophische und künstlerische Diagnostiken und Deutungsmuster. In der modernen Medizin tritt an die Stelle der den ganzen Menschen erfassenden Krankheit und ihrer Heilung die Behebung einer „Störung“ und verändert so unser Verständnis von der „Person“. Bei neurologischen Störungen wie Morbus Parkinson verengt sich bereits im Studium der wissenschaftliche und ärztliche Blick auf das Gehirn als technisch und chemisch korrigierbares Organ.

Der zeitgenössische Tanz hat sich Störungen dieser Art angenommen und ein Erfahrungswissen mobilisiert, das wir mit klinischen, philosophischen und gesellschaftsdiagnostischen Störungsbegriffen kurzschließen wollen. Tänzer und Choreografen sind Experten für das geworden, was international in Philosophie und Neurologie unter „embodied cognition“ diskutiert wird: Theorien über die Formung unseres „Selbst“ bis in neuronale Strukturen hinein vor dem Hintergrund von Verkörperung, Bewegungsabläufen und leiblicher Selbstwahrnehmung. Deshalb wollen wir mit Methoden der künstlerischen Forschung den Erfahrungsraum zwischen Bewegung und Bewegungsstörung in einer interdisziplinären Expedition erkunden. Menschen mit Parkinson und Künstler werden zu Pionieren eines Körperverständnisses, das sowohl die „Zerebralisierung“ der klinischen Praxis als auch die medial und (leistungs-)gesellschaftlich generierten Körperfetischismen sowie die Inszenierung digitaler Entkörperlichungen unterläuft.

Das Theater Freiburg hat zusammen mit dem Exzellenzcluster „BrainLinks-BrainTools“ der Universität Freiburg, der Company der Choreografin Yasmeen Godder in Tel Aviv sowie vier neurowissenschaftlichen Instituten in Israel ein interdisziplinäres Langzeitprojekt entworfen, das sich mit dem Phänomen der „Störung“ beschäftigt. Das Projekt basiert auf langjährigen Kooperationen seiner Partner und beteiligt in Deutschland und Israel über mehrere Monate ca. 50 Menschen, die mit Parkinson leben, 16 Nachwuchswissenschaftler sowie international renommierte Wissenschaftler aus den Bereichen Neurowissenschaften, Medizin, Mikrosystemtechnik und Ethik, sowie Tänzer, Choreografen und Dramaturgen. Es beginnt im September 2014 mit einem künstlerisch-wissenschaftlichen Klausurtreffen in Israel, setzt sich im Februar 2015 mit einer „winter-school“ in Freiburg fort und kulminiert in zwei internationalen Themenkongressen mit Performances Ende 2015 in Freiburg und Tel Aviv. In dieser Zeit werden Tänzer in beiden Ländern kontinuierlich mit Gruppen von Menschen mit Parkinson tänzerisch arbeiten. Neu ist, dass wir in diese künstlerische Arbeit erstmals Nachwuchswissenschaftler mit einschlägigen Studienschwerpunkten integrieren und für sie zu einem frühen Zeitpunkt ihres Forschungsweges einen intensiven Wissensaustausch zwischen den künstlerischen, wissenschaftlichen und lebensweltlichen Expertisen aller Beteiligten eröffnen. Gleichzeitig werden die Tänzer ihre Erfahrungen in Form von „physical diaries“ bearbeiten und zu Performances entwickeln.

Die finalen Themenkongresse sollen für eine größere Öffentlichkeit neue Formate für den Dialog all dieser unterschiedlichen Zugänge inszenieren und eine choreografische Arbeit von Yasmeen Godder präsentieren, die ihre Inspirationen aus der tänzerischen Bearbeitung des Störungs-Themas im Verlauf des Prozesses erfährt. Eine filmische Dokumentation wird dieses Projekt durch das Jahr 2015 begleiten, das auch das 50. Jubiläumsjahr der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ist.

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